Filmplakat Menschsein - Frau mit Prothese vor einer Barracke

405 Tage. 23 Nationen. 19 Sprachen. Eine Frage: Was hat Menschsein mit Behinderung zu tun?“, so wird der Dokumentarfilm des deutschen Filmemachers Dennis Klein aus Rottenburg angekündigt. Der Pädagoge wechselte das Klassenzimmer über ein Jahr gegen die weite Welt. Alleine und mit Begleitung geht er auf Spurensuche.

Dennis Klein trifft Menschen mit und ohne Behinderung – verzweifelte und engagierte, resignierte und couragierte. Der Autodidakt geht nahe heran. Doch bereits im ersten Kapitel des Dokumentarfilms wird deutlich, dass er nicht nur dicht an den einzelnen Menschen und ihren Geschichten ist, sondern dass ihm – zumindest zu Beginn seiner Dreharbeiten – die nötige professionelle Distanz fehlt. Aus dem Bedürfnis heraus „Gutes zu tun“, mischt er sich ein und vergrößert dadurch das Chaos. Die Familie, der er helfen will, lebt im Ghetto von Lesotho von nur einem Dollar am Tag.

Mutter Rethabilie mit ihrem kleinen Sohn Tlhomplo auf dem Arm
Mutter Rethabilie aus Lesotho mit ihrem Sohn Tlhomplo auf dem Arm (Bild: Dennis Klein)

Obwohl die junge Mutter studierte Lehrerin ist, findet Rethabilie als Spastikerin keine Anstellung. Nur eine – für westeuropäische Verhältnisse – kleine Summe fehlt ihr und ihrem Mann noch zum Bau ihres eigenen Hauses. Für die südafrikanische Familie sind die 70 Euro hingegen ein Vermögen, das sie kaum sparen können. Verführerisch hier guter Samariter zu spielen – und doch so fehl am Platz. Der Lehrer lernt seine Lektion und ist in den weiteren Kapiteln mehr hinter der Kamera aktiv, obwohl er immer wieder subjektiv aus dem Off seine Erlebnisse von seinem Standpunkt aus kommentiert.

So manche Überraschung hält der Dokumentarfilm in den weiteren drei Kapiteln bereit. Filmemacher Oliver Stritzke hat mit dem Schnitt vier kleine Untergeschichten geschaffen, die jede ein prägnantes Schlagwort als Überschrift tragen. So entstehen bildhafte Beispiele für die Botschaft des Teams. Eine sicher nicht einfache Aufgabe aus den vielen Stunden Filmmaterial ein Story zu gestalten, die das Publikum mit auf diese Begegnungsreise nimmt.

Schmerzhaft erfahren wir von Kindern mit schweren Erkrankungen und Behinderungen, die verwahrlost leben oder auch Gewalt erfahren aufgrund von festsitzendem Aberglauben. Aber auch von Menschen, die sich über alle Grenzen hinwegsetzen und mit viel Hingabe scheinbar Unmögliches bewirken. So begleitet Dennis Klein die Ergotherapeutin Shruti und ihre Kollegin mit zu ihren Hausbesuchen in abgelegenen Orten in Indien.

Ergotherapeutin Shruti mit ihrer Patientin Sunali in Indien. (Bild: Dennis Klein)

Was diese Frauen ohne staatliche Hilfe auf die Beine stellen und wie viel sie bewegen, das beeindruckt nachhaltig. Da die medizinische Versorgung und die Verfügbarkeit von Therapien und modernen Hilfsmitteln in Deutschland sehr gut ist, möchte man meinen, hier sei die Inklusion und Akzeptanz von Menschen mit Behinderung auch deutlich besser als in Dritt- oder Viertweltländern. Doch wer mit ihnen im Alltag zu tun hat, weiß dass das Gegenteil oft der Fall ist.

Mit eindrucksstarken Interviews führt der Film vor Augen, wie weitgehend selbstständig und selbstbestimmt Menschen mit Behinderung anderenorts leben und arbeiten können. Wie Teresa mit Trisomie 21 in Neuseeland, die ihre eigenen Teppiche in einem Atelier flicht. Und wie in armen Regionen Kinder und Jugendliche mit Behinderung in Kindergärten und Schulzentren teilweise deutlich besser inkludiert sind als bei uns, wo alles auf Wirtschaftlichkeit befragt wird und Menschenrechte – wie die Rechte auf Teilhabe und Inklusion – nicht selten dahinter anstehen müssen.

Menschsein wurde von der deutschen Film- und Medienbewertung mit dem Prädikat wertvoll ausgezeichnet. Ein Dokumentarfilm, der sich sehr gut für ethische Diskussionen eignet und dazu, die eigenen Norm- und Wertvorstellungen zu hinterfragen.

Link zum Trailer: https://www.epd-film.de/filme/menschsein

Mehr Informationen zum Film: www.menschsein-film.de

Downloadlink zum Presseheft: https://menschsein-film.de/wp-content/uploads/2019/09/Presseheft-Low-Res.pdf