Zum Dokumentarfilm „Hi, AI“ über künstliche Intelligenz in Kinos der Region: Petra Grimm und Klaus Koziol im Gespräch über die Beziehung zu Künstlicher Intelligenz und über Roboter gegen Einsamkeit

Das Thema „Digitalisierung“ durchzieht alle Lebens- und Arbeitsbereiche, Veränderungen passieren mit großer Geschwindigkeit – und jeder Einzelne ist auf unterschiedlichste Weise davon betroffen oder damit befasst. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) ist faszinierend und erschreckend zugleich. Der Dokumentarfilm „Hi, AI“ beleuchtet beispielhaft, wie ein Zusammenleben mit KI aussieht. Protagonisten des Films sind der Texaner Chuck und seine Roboter-Partnerin „Harmony“ sowie Oma Sakurai aus Tokio mit ihrem kindlichen Unterhaltungsroboter „Pepper“.

Frau Professor Grimm, Herr Professor Koziol: Im Film „Hi AI“ spürt man das Bedürfnis Chucks, zur humanoiden Roboterpuppe Harmony in Beziehung treten zu wollen. Ist es tatsächlich möglich, zu einer intelligenten Maschine eine Beziehung aufzubauen? Eine, die über eine einfache Unterhaltung hinausgeht?

Prof. Dr. Petra Grimm: Aber sicher! Wir tendieren dazu, Maschinen in unserer alltäglichen Lebenswelt zu anthropomorphisieren, also zu vermenschlichen. Einige Menschen haben eine intensive Beziehung mit ihrem Auto und pflegen es am Sonntag mit Hingabe. Andere beschimpfen ihren Computer, wenn er mal nicht funktioniert oder entschuldigen sein „Verhalten“ damit, dass er gerade keine Lust habe. Noch viel intensiver wird ein solches Verhältnis, wenn die Maschine selbst menschliche Attribute aufweist, also sprechen kann wie Alexa & Co. oder kindlich aussieht wie der Roboter „Pepper“. Wir können uns nur schlecht dagegen wehren, Gefühle in einer Interaktion zu unterbinden, und das trifft auch auf die Interaktion mit Maschinen zu. Neuere Forschungen befassen sich ja auch damit, wie wir bestmöglich mit selbstlernenden Maschinen kooperieren können.

Prof. Dr. Klaus Koziol:Aus psychologischer Sicht ist es Menschen sicherlich möglich auch zu verschiedensten Dingen so etwas wie Beziehung aufzubauen. Die Frage ist zunächst einmal aus welcher Motivation heraus Beziehung zu Nicht-Menschen aufgebaut wird. Und mit welcher Einsicht dies geschieht. Wenn die Motivation Einsamkeit oder Vereinsamung ist, dann sollte uns das zu denken geben. Ich glaube nicht, dass sich Einsamkeit durch eine nicht-menschliche Beziehung nachhaltig bessern lässt.

Was geschieht mit einem Menschen, der ernsthaft und mit inhaltlicher Tiefe mit einem Roboter kommuniziert?

Grimm: Pauschal kann man das nicht beantworten. Denn es hängt ja von dem einzelnen Menschen ab, welche Art von Beziehung er zu einem Roboter eingehen möchte. Wenn es beispielsweise ein Sexroboter ist, dann wäre es wichtig, dass bestimmte Verhaltensnormen gelten: Dem weiblichen Roboter darf kein Schaden zugefügt werden, keine Misshandlungen. Das ist deshalb wichtig, weil durchaus die Gefahr besteht, dass entsprechend dem „Lernen am Modell“ ein Transfer stattfindet und dann auch Frauen in der Realität entsprechend behandelt werden könnten. Das heißt, um der Würde des Menschen willen sollten menschenähnliche Roboter würdevoll behandelt werden.

Koziol: Wenn man sich klar ist, dass das Gegenüber ein programmierter Algorithmus ist, dann ist das im Grunde genommen wie ein Spiel. Wenn jemand sich hier in einer ernsthaften Beziehung mit gegenseitigem Verständnis und gegenseitiger Empathie glaubt, dann ist die Frage, ob er die Kommunikation mit Menschen für diese Art der Kommunikation vernachlässigt. Meine Grundthese ist ja, dass wir – je mehr virtuelle Kommunikation wir pflegen – auch umso mehr reale Kommunikation, face-to-face, mit echten Menschen brauchen, um psychisch stabil zu bleiben und eine soziale Gesellschaft zu erhalten.

Auf den ersten Blick scheint das absurd und unnatürlich – doch kann die „Beziehung“ zu einem Roboter möglicherweise auch positive Auswirkungen auf den Menschen haben? Bis hin zu therapeutischen Auswirkungen?

Koziol: Im therapeutischen Bereich, wie es sich in der japanischen Familie andeutet, mag der Roboter tatsächlich ein Instrument für die Motivation regelmäßiger intellektueller Anstrengung sein. Allerdings sollte unser Ziel als Gesellschaft auch hier sein, alten Menschen echte menschliche Ansprache zu ermöglichen.

Grimm: Viele Menschen in unserer digitalen Gesellschaft scheinen einsam zu sein, so wird dieses Narrativ der Einsamkeit nicht nur in Bezug auf ältere Menschen, sondern zunehmend auch auf jüngere relevant. Wir whatsappen permanent und fühlen uns dennoch allein. Roboter können sicherlich für manche Menschen solche Einsamkeitsgefühle ausgleichen. So wissen wir ja auch, dass Roboter in Altersheimen sehr gut ankommen und positive Gefühle auslösen können. Therapeutische Effekte sehe ich aber eher bei Virtual Reality (VR). Mittels dieser VR-Simulationen kann Flugangst, Spinnenphobie oder Höhenangst überwunden werden, und es gibt sogar Erfolge bei Essstörungen.

Es gibt immer mehr einsame Menschen, nicht nur unter den Älteren. Ist der Einsatz von und der Austausch mit intelligenten Robotern ein Mittel gegen Einsamkeit?

Koziol: Wenn, dann nur das zweitbeste. Das beste Mittel bleibt menschliche Beziehung und Nähe. Wenn Roboter dazu führen, dass Pflegekräfte und Familienangehörige sich umorientieren und noch weniger Zeit für Austausch und Kommunikation zur Verfügung stellen, dann ist der Fortschritt sozusagen nach hinten gestartet. Man muss aber auch bedenken, dass intelligente Roboter nicht in erster Linie für Altenbetreuung gebaut werden, sondern auch als Arbeits- oder Kampfroboter.

Grimm: Roboter können bei Einsamkeit helfen, allerdings ist das zugleich ein Armutszeugnis unserer Gesellschaft, wenn wir nicht genügend Ressourcen haben, um eine fürsorgliche (menschliche) Pflege zu gewährleisten. Um das Thema „Einsamkeit“ noch zu vertiefen: Die Eingebundenheit in feste, verlässliche soziale Strukturen gibt es nicht mehr. Von uns wird Flexibilität sowie Bereitschaft zu Arbeitsplatz- und Ortswechsel erwartet, womit soziale Beziehungen nur schwer auf Dauer gehalten werden können. Auch Partnerschaften unterliegen nicht selten der Optimierungsanforderung, die dann zu Beziehungsbrüchen führen kann. Neue Partnerschaften werden dann auf Dating-Portalen angebahnt, bei denen ein Algorithmus ausrechnet, wer zu wem passt, uns „matched“. Dahinter verbirgt sich ein Menschenbild, das den Menschen in seine messbaren Merkmale zerlegt. Aber dies zu vertiefen wäre nochmals ein ganz eigenes Thema.

Bedeutet es also im Umkehrschluss, dass der Einsatz humanoider Roboter womöglich die Gefahr der Vernachlässigung einer gesellschaftlichen Pflicht – dem sich Kümmern und Sorgen um Einsame, Alte und Kranke – verstärkt? Eigentlich eine Kernaufgabe der Kirche!

Koziol: Ja – diese Gefahr sehe ich durchaus. Früher war der klassische Besuchsdienst der Kirchengemeinden eine wichtige Aufgabe in deren Portfolio und eine wichtige Hilfe für die alten und einsamen Menschen in der Gemeinde. Allerdings muss man sehen, dass diese Aufgaben schon länger nicht mehr in dem Maße geleistet werden können und zwar nicht aufgrund von Robotern, sondern aufgrund der knappen zeitlichen Ressourcen der meisten Menschen. Insofern muss man deutlich festhalten, dass Roboter nicht die Ursache des Problems sind – aber eben auch nicht die Lösung. Die Frage ist: Was für eine Gesellschaft wollen wir sein und wie können wir das politisch gestalten?

Grimm: Pflegeroboter sollten nur als Assistenten zum Einsatz kommen. Sie können menschliche Fürsorge nicht ersetzen, dazu sind sie viel zu „unterkomplex“. Allerdings können sie gerade bei schweren körperlichen Arbeiten in der Pflege assistieren. Wer meint, aus Kostengründen wären Roboter in der Pflege eine günstige Option, handelt karitativ verantwortungslos.

Die Fragen stellte Manuela Pfann

Zur Person:

Professor Dr. Petra Grimm (57) ist seit 2014 Leiterin des Instituts für Digitale Ethik an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart. Seit 1998 ist sie Professorin für Medienforschung/Kommunikationswissenschaften an der HdM. Nähere Informationen: https://www.hdm-stuttgart.de/grimm/home/

Professor Dr. Klaus Koziol (64) ist Bischöflicher Beauftragter für Digitalisierung, Menschenwürde und humane Kommunikation der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Der Soziologe leitet seit 1990 die Hauptabteilung Medien im katholischen Medienhaus in Stuttgart.

Informationen zum Film:

Der Dokumentarfilm „Hi AI“ setzt sich mit dem Thema KI auseinander und begleitet zwei Personen, deren Leben sich durch die Auseinandersetzung mit einem humanoiden, also menschenähnlichen Roboter, verändert: Während Chuck und seine Roboter-Partnerin Harmonyauf einem Roadtripnach der Liebe suchen und der kindliche Roboter Pepperund Oma Sakurai die Zeit totschlagen, wirft der Film Fragen auf: Wie werden wir mit künstlicher Intelligenz zusammenleben? Was werden wir gewinnen, was verlieren?

Auf der Website https://www.hiai-film.de sind weitere Informationen zum Film zu finden, unter dem Menüpunkt „Presse“ stehen unter anderem Fotos aus dem Film zum Download zur Verfügung.

Hinweise:

In folgenden Kinos auf dem Gebiet der Diözese wird der Film aktuell (April 2019) gezeigt:

Ludwigsburg, Caligari-Kino (3. April); Kirchberg/Jagst, Kino Klappe (ab 4. April); Weingarten, Kulturzentrum Linse (ab 4. April); Fellbach, Orfeo-Kino (10. April); Rottenburg, Kino im Waldhorn (ab 15. April).