Am Wochenende stand ein ungewöhnlicher Ausflug auf dem Programm: Obwohl ich schon seit fast 30 Jahren in der Gegend wohne, war ich noch nie da: Schloss Grafeneck – die berüchtigte Tötungsanstalt der Nazis. Von Gomadingen auf der Alb aus laufen wir über Marbach (dort wo immer noch die Pferde gezüchtet werden) weiter nach Grafeneck (dort wo behinderte Menschen quasi fabrikmäßig ermordet wurden). Dieser Zusammenhang berührt mich: Hier die Züchtung von Tieren, dort so eine Art Versuch der Züchtung von Menschen, indem alles was als „nicht lebenswert“ deklariert wird, ausgerottet wird.

Schon von weitem steht das Schloss bedrohlich auf einer riesigen Mauer. Was mich überrascht: Der Ort an dem die Nationalsozialisten in 11 Monaten im Jahr 1940 fast 11.000 Menschen ermordet haben, war vorher und ist es heute wieder – eine Behinderteneinrichtung der evangelischen Landeskirche. Kann man das machen? Vielleicht muss man es. Um zu zeigen, dass die Menschlichkeit und die Fürsorge für die eingeschränkten Menschen den Versuch der Vernichtung überlebt und überdauert.
Grafeneck ist wohl so etwas wie der Punkt 0 der nationalsozialistischen Vernichtungsindustrie. Als Tötungsanstalt für Menschen mit Behinderung war Grafeneck sozusagen der Prototyp für weitere Anstalten. Und die Ermordung der behinderten Menschen  war wiederum der Test- und Übungslauf für die Ermordung der Millionen von Juden. Im Dokumentationszentrum weist auch eine Tafel auf die Karriere eines Mitarbeiters hin, der es zum Lagerkommandant eines Konzentrationslagers (KZ) und dann zum Inspekteur verschiedener anderer KZ „gebracht“ hat.

Beruhigend: Es gab auch einges an Protest gegen die sogenannten Euthanasieprogramme und vereinzelt sogar wirklichen Widerstand. Erschütternd: Auch hier herrschte in der Bevölkerung aber größtenteils Schweigen und Ignoranz. Verstörend: Beendet wurden die Massentötungen im Dezember 40 in Grafeneck wohl nicht aufgrund von Protesten, sondern vorwiegend deshalb, weil sich das Projekt nicht geheim halten ließ und weil man den Rückhalt der Bevölkerung für den Russland-Feldzug brauchte.

Zur Thematik bietet der Ökumenische Medienladen den Spielfilm „Nebel im August“  im Verleih an. Dieser kann unter der Mediennummer DVS999 im Ökumenischen Medienladen entliehen werden.

Autor: Rainer Steib

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