Hilfe über Generationen hinweg

Das Projekt „Smartcoach“ der katholischen Jugendkirche Ludwigsburg ist ein Projekt, bei dem Jugendliche Senioren die Funktionsweise von Smartphones erklären.

Sehr geehrter Herr Schönauer, die Jugendkirche Ludwigsburg rief vor kurzem das Projekt „Smartcoach“, auf ihre Anfrage hin, ins Leben. Bei dem Projekt geht es um Senioren, die von Jugendlichen die Funktionsweise des Smartphones erklärt bekommen. Die Idee kam von Ihnen, wie kamen sie dazu?
Seit einigen Jahren helfe ich einer befreundeten Senioren in Ludwigsburg, ein Notebook zu benutzen. Als ihr bisheriges einfaches Handy den Geist aufgab, ließ sie sich zum Kauf eines modernen Smartphones überreden, kam aber zunächst nicht sehr gut damit zurecht. Neben den Notebook-Fragen kamen dann sehr viele Smartphone-Fragen hinzu, meine Besuche wurden immer länger und öfters führten Ferndiagnose-Telefonate zu weiteren Besuchen. Da kam natürlich die Idee auf, ob sich nicht sachkundige Menschen finden, die ihr das Smartphone auch neben meinen Besuchen erklären könnten. Die eigenen Enkel waren nur selten vor Ort, da sie in anderen Städten wohnen. Überlegungen zu „Ersatzenkeln“ ergaben dann die Projekt-Idee. Da ich zusammen mit einem gemeinnützigen Verein aus Baden-Baden verschiedentlich Projekte mit Aktion Mensch und Jugendlichen mache, war es einfach, das passende Konzept zu entwickeln und die Jugendkirche Ludwigsburg, zu der ich schon länger Kontakt hatte, als Träger zu gewinnen.

Warum haben sie sich entschieden, gerade die Jugendkirche Ludwigsburg in ihre Idee zu involvieren und wie hat sie auf ihre Idee reagiert?
Jugendkirchen in Deutschland zu vernetzen, ist seit vielen Jahren ein Anliegen von Vereinskollegen und mir (www.jukis.de). Teilweise coache ich sie auch hauptberuflich. Daher lag es nahe, zuerst die Jugendkirche Ludwigsburg zu fragen, ob dieses Projekt gemeinsam gestemmt werden könnte. Dank der Offenheit und des Engagements von Anna Jehle, der Leiterin, war schnell klar, dass es sehr gut zusammenpasst.

Gab es davor schon ähnliche Projekte in Deutschland?
Vor zwei Jahren, als wir mit der Konzeption anfingen, hatten wir nichts vergleichbares gefunden, allerdings gab es ein erfolgreiches Projekt in Ludwigsburg, das Jugendliche und Senioren beim PC-Lernen zusammengebrachte. Eine der damaligen Teilnehmerinnen hat sich als Seniorin nun wieder bei uns für „SmartCoach“ angemeldet. Aktion Mensch fördert im Rahmen der Projektreihe „Noch viel mehr vor“ Projekte mit Jugendlichen, wenn sie einen innovativen und beispielgebenden Charakter haben. Daher sind wir sehr dankbar, mit dieser Förderung den Start gut hinbekommen zu haben.

Wie alt sind die Jugendlichen, die beim Projekt den Senioren halfen und sie bei ihren Fragen rund ums Smartphone unterstützen?
Wir haben in unserer Werbepostkarte das Alter der Jugendlichen mit 15-25 angegeben. Bisher haben aber auch schon einige Jugendliche erfolgreich mit gemacht, die erst 14 Jahre alt waren. Das kommt ein bisschen auf den Jugendlichen selbst an, in keinem Fall muss man ein absoluter Handyspezialist sein, einfaches Basiswissen reicht völlig.

Bild: SmartCoach Nouhaila beim Erklären des Handys einer Seniorin

Wie muss man sich das nun konkret vorstellen? Wo und wie oft trafen sich die Jugendlichen mit den Senioren? Gab es feste Zeiten und Orte oder entschied das jeder selbst?
Anfangs gibt es eine kurze Einleitung, wie man das Handy sinnvoll erklärt. Dann gibt es ein Treffen zusammen mit den Senioren und man kann sich etwas kennen lernen und ausprobieren, ob man miteinander zurechtkommt. Danach trifft man sich ca. alle zwei Wochen mit seinem Handyschüler, entweder in einem Raum der Jugendkirche oder in einem Café. Das kann man dann ganz individuell ausmachen. Zu den Regeln gehört, dass die Senioren den Jugendlichen, die das Handy erklären, ein Getränk spendieren. Ab und zu trifft man sich dann auch in großer Runde wieder, kann von seinen Erfahrungen berichten und bekommt Fragen beantwortet.

Erhielten die Jugendlichen zuvor Input, um die Fragen der Senioren beantworten zu können? Was, wenn sie nicht weiter wussten?
Natürlich gibt es erst mal eine kleine Einführung und ein paar Grundregeln und Tipps. Danach stehen wir jederzeit als Ansprechpartner zur Verfügung, wenn Probleme auftauchen sollten. Bisher lief das aber alles ausgesprochen leicht und locker. Die Jugendlichen merken sehr schnell, dass sie sehr viel mehr wissen, als die Senioren und dass ihr Grundwissen in den meisten Fällen ausreicht. Wenn sie etwas nicht wissen, ist das überhaupt nicht schlimm, sie dürfen das dann einfach auch so sagen. Oft reicht bei den Jugendlichen dann auch ein kurzes nachsehen bei Google oder YouTube und dann ist auch eine schwierigere Frage gut zu beantworten.

Gab es genug interessierte Teilnehmer für das Projekt?
Bereits am Anfang des Projektes gab es mehr Senioren als Jugendliche, die sich gemeldet hatten. Wir haben dann herausgefunden, dass wir Jugendlichen deutlicher sagen müssen, dass sie kein Spezialwissen benötigen und ihre Grundkenntnisse völlig ausreichend sind. Während der Sommerferien haben dann einige Coaches jeweils 2 Senioren betreut. Seitdem das Projekt bekannter wird, haben wir über 150 Anmeldungen für die Fortsetzung von „SmartCoach“ und sind von diesem Ansturm ganz schön überrascht. Tagelang stand das Telefon nicht mehr still. Nun werden wir im Herbst vier neue Startveranstaltungen anbieten, dann sehen wir weiter. Mit den umliegenden Schulen aus der Innenstadt sind Kooperationen angedacht, die jetzt genauer vorbereitet werden.

Wie ist die Resonanz der Teilnehmer?
Alle Beteiligten, sowohl die Jugendlichen als auch die Senioren haben ganz viel mehr gewonnen, als sie sich am Anfang des Projektes vorgestellt hatten. Neben dem Erlernen des Smartphones und der Fähigkeit, zielgruppengerecht zu erklären, ist ein generationsübergreifender Blick und Wertschätzung für einander entstanden, die weit über das Projekt hinaus gehen. Teilweise sind auch echte Freundschaften entstanden. In jedem Fall fällt es den Senioren jetzt leichter, mit den eigenen Enkeln über WhatsApp zu kommunizieren.

Gibt es manchmal auch Schwierigkeiten, aufgrund des großen Altersunterschiedes?
Erstaunlicherweise nicht.

Den Senioren wird bei ihrem Projekt geholfen, mit moderner Technik umzugehen. Was nehmen die Jugendlichen, aus so einem Projekt für sich mit?
Es fördert ganz schön die Selbstsicherheit, wenn man einem fremden älteren Menschen etwas erklärt hat. Auch wird der Blick dafür geschärft, wie rasant unsere technische Entwicklung gerade läuft und wie schwer es für ältere Menschen ist, daran teilzunehmen, während es Jugendlichen ganz natürlich vorkommt.

Bekommen die Jugendlichen etwas für ihr Engagement?
Die ersten Jugendlichen erhalten demnächst ein Teilnahme-Zertifikat, das sie bei zukünftigen Bewerbungen gut ergänzend anbringen können. Firmen nehmen das teilweise sehr wichtig. Sie erhalten auch eine kleine Aufwandsentschädigung, die ihre Handykosten und Fahrtkosten decken, damit sie nicht darauf legen müssen. Daher sind wir dankbar, dass uns Sponsoren unterstützen, die entstehenden Kosten zu tragen. Bisher haben beispielsweise die Kreissparkasse Ludwigsburg und die Firma Lotter zugesagt.

Welches Thema war den Senioren und Jugendlichen besonders wichtig?
Das gegenseitige Zusammenkommen und sich treffen war mit der Zeit wichtiger als das eigentliche Coachen und Lernen.

Kostet mich die Teilnahme als Senior etwas?
Wenn man sich zum „Handylernen“ im Café trifft, laden die Senioren die Jugendlichen zu einem Getränk ein. Ansonsten ist es kostenlos, solange wir die entstehenden Kosten durch Spenden und Sponsoren-Gelder gedeckt bekommen.

Warum beschränkt sich das Projekt auf Smartphones, Senioren und Jugendliche? Wäre es nicht auch eine Option, dieses Projekt auf andere Bereiche auszuweiten und es für alle anzubieten, die Hilfe brauchen und Hilfestellung geben können?
Sie haben Recht, das wäre sehr wünschenswert. Vorerst müssen wir allerdings erst einmal den unerwartet hohen Ansturm auf das Projekt gut bewältigen und es nachhaltig gestalten, dann kann es gerne ausgeweitet werden. Vielleicht haben andere Organisationen auch Lust, sich einzubringen und mit der Zeit ein Träger-Netzwerk zu bilden? Wir würden uns darüber sehr freuen.

Herr Schönauer, wir bedanken uns bei ihnen für das Interview und wünschen ihnen weiter viel Erfolg.

Die Fragen stellte Elena Drammis.

Wenn sie sich für dieses Projekt interessieren kontaktieren sie Frau Anna Jehle oder Herrn Schönauer:
Sophie-Scholl-Haus
Solitudestr. 5
71638 Ludwigsburg
Baden-Württemberg

Anna Jehle
Fon: 07141 – 91185-24
Mobil: 017624487653
http://www.jugendkirche-lb.de

Willi Schönauer
Mobil: 01772957545

Ein weiteres intergeneratives Projekt „Vom Grammophon zum Smartphone finden Sie in diesem Blogartikel.

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